Prinzip 08

Build optionality. Decide from choice, not desperation.

"Premeditatio malorum — imagine the worst case, so that fear loses its power over you."

Seneca

Als ich während der Corona-Krise in eine neue Stadt zog, gab es Lockdowns, keine Veranstaltungen und kaum Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen. Ich kannte niemanden in der Stadt und merkte, wie schnell man in eine Falle gerät, die man selbst nicht erkennt.

Ich saß oft in der Bibliothek und hatte das Gefühl, alle anderen hätten ein perfektes Sozialleben. Lachende Gruppen. Menschen, die sich kennen. Ich – einer. Das ist eines der unangenehmsten Gefühle. Nicht Einsamkeit, sondern der Vergleich.

Was ich damals nicht gesehen habe: Ich habe nur die gesehen, denen es gut zu gehen schien. Die anderen – die, denen es ähnlich ging wie mir – die waren unsichtbar. Man sieht immer das, was man fürchtet zu verpassen. Nicht das, was wirklich da ist.

Was ich daraus gemacht habe, war trotzdem ein Fehler. Ich habe dieses Gefühl mit jedem gestillt, der verfügbar war. Auch wenn es nicht gepasst hat. Ich habe Energie investiert in Beziehungen, die keine waren. Nicht weil ich es wollte – sondern weil ich keine andere Wahl zu haben glaubte. Das ist Desperation. Desperation verändert jeden Entscheidungsprozess. Man wählt nicht mehr das Richtige – man wählt das Verfügbare.

Allein zu sein wäre besser gewesen als Zeit mit Menschen zu verbringen, die nicht passen, weil falsches Zugehörigkeitsgefühl das Suchen nach echtem stoppt.

"Optionality is the property of asymmetric upside with limited downside."

Nassim Taleb

Dasselbe Muster sehe ich bei Gründern, die Kapital brauchen. Es gibt zwei Typen: die einen rennen auf jeder Konferenz herum, sprechen mit jedem Investor, pitchen sich die Seele aus dem Leib. Die anderen bauen ihr Produkt – irgendwann stehen die Investoren vor der Tür, weil die Traction für sich spricht.

Der Unterschied ist nicht Talent. Es ist Position. Wer aus Desperation pitcht, verhandelt schlecht, nimmt schlechte Konditionen an, gibt Kontrolle ab. Wer aus einer Position der Stärke verhandelt – weil er Optionen hat – entscheidet frei.

Optionality bedeutet nicht, passiv zu warten. Es bedeutet, den Aufbau von Wahlfreiheit zur Priorität zu machen – bevor man sie braucht. Das kostet Zeit und Energie. Es ist die einzige Art, wirklich frei zu entscheiden. Nicht aus Not. Nicht aus Angst. Sondern weil man wählt.