Prinzip 06

Radical honesty.

"The biggest mistake most people make is not being radically open to finding out what's true."

Ray Dalio

Ich erinnere mich an ein Unternehmen, bei dem alle Zahlen öffentlich waren. Revenue, Churn, offene Probleme. Jeder wusste, wo man stand. Nichts wurde beschönigt, nichts versteckt. Wenn es schlecht lief, wurde gesagt, dass es schlecht läuft – dann wurde gemeinsam überlegt, was man ändern muss.

Das hat etwas mit mir gemacht. Nicht weil es angenehm war – manchmal war es unangenehm. Sondern wegen Vertrauen. Man wusste, dass man die Wahrheit kennt. Man konnte sich orientieren. Man konnte helfen.

"The truth will set you free, but first it will piss you off."

Gloria Steinem

Dann hatte ich eine andere Erfahrung. Ich bin zu einem Start-up zurückgekommen, das ich kannte. Weil es gerade gepasst hat, weil ich Geld brauchte und Ablenkung. Bevor ich anfing, wurde mir gesagt: läuft gut, sehr gut.

Was ich dann vorfand, war etwas anderes. Kaum Deals. Eine Stimmung, die schwer zu beschreiben ist – nicht dunkel, nicht angespannt, sondern gleichgültig. Wenn du an einem Tag nichts gemacht hättest, hätte es niemanden gejuckt. Wenn du eine Woche lang nichts gemacht hättest – dasselbe. Das Feuer fehlte.

Niemand hat gelogen. Sie haben die Wahrheit weggelassen. Das ist eine Form von Lüge, die besonders wehtut – weil sie so plausibel dementiert werden kann. "Wir waren optimistisch." "Wir haben es selbst nicht so schlimm eingeschätzt." Vielleicht. Aber ich habe meine Zeit investiert auf Basis von Informationen, die nicht stimmten.

Das ist respektlos. Nicht böswillig. Besonders gegenüber Menschen, die wirklich investieren. Die Risiken eingehen, Gehalt aufgeben, Energie reinstecken. Sie verdienen die Wahrheit. Auch wenn sie wehtut.

Was ich daraus mitgenommen habe, geht über Unternehmen hinaus. Intransparenz ist fast immer ein Symptom. Wer nicht ehrlich kommunizieren kann, dass es schlecht läuft, kann es sich oft auch selbst nicht eingestehen. Wer es sich nicht eingestehen kann, kann es nicht ändern. Die Lüge nach außen beginnt meistens mit einer Lüge nach innen.

Das gilt für Gründer, die an einem Use Case festhalten, der nicht funktioniert. Es gilt für jeden selbst. Optimismus ist wichtig – aber er darf keine Ausrede sein, sich die Realität nicht anzuschauen.

Radical honesty bedeutet nicht, brutal zu sein. Es bedeutet, dass man sich und anderen die Wahrheit zutraut. Dass man glaubt, dass Menschen mit der Wahrheit umgehen können. Dass man weiß: die einzige Basis, auf der man wirklich etwas aufbauen kann – ein Unternehmen, eine Beziehung, sich selbst – ist die Realität. Nicht eine angenehmere Version davon.