Prinzip 07

See the whole system.

"Details matter. It's worth waiting to get it right."

Steve Jobs

Als Solution Engineer bin ich an der Schnittstelle von allen Departments. Ich programmiere, bin beim Kunden vor Ort, unterstütze Sales, helfe beim Support, bekomme Operations mit, mache Produkt Management. Keine andere Rolle gibt einem diesen Blick – gleichzeitig Low Level und High Level. Ich sehe wenn das Produkt down ist, und ich sehe die Salesziele. Ich sehe die kleinen Bugs und die großen Richtungsentscheidungen.

Anfangs dachte ich, das sei einfach ein breiter Job. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es eigentlich eine Beobachtungsposition ist. Man sieht das Unternehmen so, wie es wirklich ist – nicht wie es kommuniziert wird.

Wenn Probleme auftauchten, wurden neue Leute eingestellt. Support-Aufwand zu hoch? Mehr Support-Mitarbeiter. Kunden nicht zufrieden? Noch ein Customer Success Manager.

Wir als Team haben uns dagegen vehement gewehrt. Weil wir wussten, dass die neuen Leute das eigentliche Problem nicht lösen. Das eigentliche Problem war das Produkt und die Prozesse selbst. Kunden konnten ihre Daten nicht selbst herunterladen. Es gab zu wenig Dokumentation. Das Onboarding war zu kompliziert. Das sind Produktprobleme – und die löst man nicht mit mehr Köpfen. Die löst man an der Wurzel.

Das zu sehen war nur möglich, weil ich das ganze System im Blick hatte. Wer nur seinen eigenen Bereich kennt, sieht das Symptom. Wer das System versteht, sieht die Ursache.

"You've got to have models in your head. And you've got to array your experience, both vicarious and direct, on this latticework of models."

Charlie Munger

Diesen Blick gibt es nicht nur in Unternehmen. Ich habe ihn beim Laufen wiederentdeckt.

Ich bin lange einfach gelaufen – viel, schnell, Vollgas. Zone 4, Zone 5, bis es wehtut. Hat Spaß gemacht. Irgendwann wollte ich wirklich besser werden. Also habe ich angefangen, strukturiert zu trainieren. Zone 2. Grundlagenausdauer. Langsam, kontrolliert, langweilig.

Monate lang hat sich nichts spürbar verändert. Irgendwann war ich 22 Kilometer gelaufen – und kaum erschöpft. Mein WHOOP zeigte, dass ich gerade so mein Belastungsziel erreicht hatte. Kein Übertraining. Früher wäre ich den ganzen Tag KO gewesen – jetzt fühlte ich mich normal.

Ich hatte die Basis gebaut. Nicht sichtbar, nicht messbar im Alltag – aber real. Das System hatte sich verändert, während ich im Training dachte, es passiert nichts.

Das ist Systemdenken. Man sieht nicht immer den direkten Output. Manchmal läuft gerade alles scheiße – persönlich, beruflich, was auch immer. Wenn man rauszoomen kann und fragt: Wo stehe ich wirklich? Was habe ich gelernt? Was hat sich aufgebaut, das ich noch nicht sehe? – dann merkt man meistens: es geht vorwärts. Langsamer als man will. Aber vorwärts.

Wer nur auf den nächsten Schritt schaut, verliert sich im Schritt. Wer das System sieht, weiß warum er geht.