Öffentlich reflektieren.
"Pain + Reflection = Progress."
Ich saß mit einem VP zusammen und habe ihm gesagt, dass ich das Unternehmen verlassen werde. Er fragte: Warum?
Die Antwort hatte ich schon geschrieben. Wochen vorher, nur für mich, um selbst Klarheit zu bekommen. Ich war es mir schuldig, eine so große Entscheidung sauber zu begründen und nicht nur nach einem Impuls zu gehen. Also hatte ich einen Essay darüber verfasst, warum ich gehen will. Den habe ich ihm gezeigt.
Er las ihn und sagte, ich solle ihn intern veröffentlichen.
Danach saß ich lange vor dem Essay. Grübelnd, das geschriebene immer wieder gelesen, und beim dritten Mal wusste ich schon, dass einige Stellen hart formuliert waren. Beim fünften wusste ich es immer noch. Irgendwann habe ich ihn einfach veröffentlicht.
Es hat sich schrecklich angefühlt. Danach war ich komplett durcheinander, tagelang. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass ich gerne dorthin gehe, weil ich wusste, was da jetzt für alle lesbar stand. Der Ton war sehr direkt und stellenweise überheblich.
Was ich falsch gemacht habe
Das Schwierige daran ist: Es war ein cooles Start-up, das konstant Fortschritte erzielt. Früher hat es genau das erfüllt, was ich haben wollte. Intensität, persönliches Wachstum und das Gefühl, an etwas zu bauen, das Wirkung hat. Damit konnte ich mich identifizieren.
Mein Fehler war nicht, dass ich gesagt habe, was mir fehlt. Mein Fehler war, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht eingesehen habe, dass es auch okay ist, wenn andere Leute andere Prioritäten haben. Meine Priorität ist, extrem schnell zu lernen, ambitioniert zu denken und Freiheit zu haben. Das ist meine, nicht die allgemeine.
Was zurückkam
Es kamen Leute auf mich zu, die sich in dem Essay wiedergefunden haben. Sie dachten ähnlich, manche sprachen es seit Langem an. Interessanterweise waren das fast durchweg die Leute, die ich vorher schon respektiert hatte.
Andere mussten erst mal schlucken. Bei einigen hatte ich den Eindruck, dass sie sich persönlich getroffen gefühlt haben, und danach war weniger Kontakt.
Lange dachte ich, das sei der Preis für Ehrlichkeit. Ich glaube inzwischen, es war der Preis für Überheblichkeit. Die Ehrlichkeit hat auch polarisiert: Ein Teil hat es respektiert, dass ich den Mut hatte, es hinzuschreiben und meinen Namen darunter zu setzen. Was gespalten hat, war nicht, dass ich es gesagt habe, sondern wie.
Warum ich es wieder tun würde
Reflektieren kann man allein. Ich mache das sehr oft – wöchentlich, manchmal täglich, wenn das Leben und meine Emotionen tough sind. Ich schreibe Essays, in denen ich verarbeite, was passiert ist, was ich denke und fühle.
Ehrlich sein kann man ungefiltert. Man sagt einfach, was man denkt, direkt nachdem man es gedacht hat, und hält das für Mut. Das kostet selbst auch nicht viel außer Überwindung.
Spannend wird es, wenn beides zusammen sichtbar wird. Öffentlich reflektieren heißt: sich sortieren, hinstellen und sagen, das und das und das. Man gibt damit die Deutungshoheit ab. Es steht da, schwarz auf weiß, jemand kann widersprechen, jemand kann später darauf verweisen. Es ist glaubhaft, weil es etwas kostet.
Der Filter davor hat zwei Teile. Der erste ist der offensichtliche: die eigenen Emotionen und Gefühle sortieren. Den kannte ich. Der zweite ist der, an dem ich gescheitert bin: prüfen, ob man dem anderen unterstellt, er müsse wollen wie man selbst. Man muss die andere Seite nicht verstehen, und man sollte nicht von sich selbst auf andere schließen. Man kann zeigen, dass man verstanden hat, dass es eine andere Seite gibt.
Ich würde es wieder tun. Ich würde es nur anders formulieren, mit mehr Verständnis für die andere Seite.
Was bleibt
Reflektion muss dabei gar nichts Negatives sein. Man kann genauso sagen: Ich habe darüber nachgedacht, und das und das finde ich richtig gut, und das ist der Grund dafür. Es ist derselbe Mechanismus. Man legt sich fest, sichtbar, und deshalb zählt es.
Genau das macht öffentliches Reflektieren am Ende zu einem der besten Komplimente, die man jemandem machen kann. Weil es nicht nebenbei gesagt, sondern durchdacht, ist.
Wenn dabei herauskommt, dass es nicht mehr passt, dann ist auch das okay. Es ändert nichts an der Trennung. Aber es macht sie zu etwas, aus dem beide Seiten etwas mitnehmen, statt zu etwas, das einfach so verschwindet.